{"id":40,"date":"2016-10-28T17:59:13","date_gmt":"2016-10-28T17:59:13","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaft-ethik-zukunft.eu\/?p=40"},"modified":"2016-10-28T18:40:08","modified_gmt":"2016-10-28T18:40:08","slug":"erfolg-trotz-oder-wegen-ruecksichtnahme-inklusion-von-schwerbehinderten-gewinn-fuer-alle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaft-ethik-zukunft.eu\/?p=40","title":{"rendered":"Erfolg trotz oder wegen R\u00fccksichtnahme?"},"content":{"rendered":"<p class=\"western\"><strong>Inklusion von Schwerbehinderten \u2013 Gewinn f\u00fcr alle<\/strong><\/p>\n<p class=\"western\">K\u00f6nnen Unternehmen erfolgreich und zugleich menschlich sein? Ist ethische Orientierung vielleicht sogar die Voraussetzung f\u00fcr langfristigen Erfolg?<\/p>\n<p class=\"western\"><a name=\"__DdeLink__11_1938942953\"><\/a> Neulich nahm ich an einem Gespr\u00e4ch \u00fcber die Inklusion von Schwerbehinderten (SBH) in die Arbeitswelt teil. Zun\u00e4chst ist es erstaunlich, welche staatlichen Unterst\u00fctzungsleistungen Unternehmen bekommen, wenn sie SBH einstellen. In einem Unternehmen gab der Controller den Ansto\u00df mehr SBH einzustellen bzw. bei den Mitarbeitern nachzupr\u00fcfen, ob unter ihnen vielleicht nicht registrierte SBH sind, mit dem Kommentar: \u201eWir lassen da Geld liegen.\u201c Unternehmen reagieren eben auf Anreize.<a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote1sym\" name=\"sdfootnote1anc\"><sup>1<\/sup><\/a> Ist es die einzige Motivation? Vielleicht nicht, aber monet\u00e4re Anreize dominieren die Wirtschaft. Nat\u00fcrlich sind die meisten modernen Unternehmen nicht so simpel gestrickt. Es gibt auch ein aufgekl\u00e4rtes Selbstinteresse von Unternehmen, welches nicht unbedingt direkt monet\u00e4r ist. So liegt es im Selbstinteresse der Firma auf ihren Ruf zu achten und eine Unternehmenskultur der Anerkennung und wechselseitiger Unterst\u00fctzung zu etablieren. Nicht zuletzt geht es um die Kunden, die m\u00f6glicherweise selbst behindert sind oder jemanden aus ihrem Umfeld kennen. Weiterhin geh\u00f6ren CSR-Strategien zu einem aufgekl\u00e4rten Selbstinteresse. Dabei werden die eigenen Kernkompetenzen zur L\u00f6sung sozialer Probleme eingesetzt, nebenbei er\u00f6ffnen sich so m\u00f6glicherweise neue Gesch\u00e4ftsfelder.<\/p>\n<p class=\"western\">Blickt man nun aus <i>unternehmensethischer Perspektive <\/i>auf die unterschiedlichen Motivationen so f\u00e4llt zun\u00e4chst das anreizgepr\u00e4gte Verhalten auf. Dahinter steht die wirtschaftsethische Einsicht, dass man nicht auf Dauer in einem wettbewerbsgepr\u00e4gten Umfeld gegen die eigenen Interessen erfolgreich handeln \u201ekann\u201c<a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote2sym\" name=\"sdfootnote2anc\"><sup>2<\/sup><\/a>. Diese wirtschaftsethische Konzeption verortet die Ethik in den Rahmenbedingungen und unterscheidet dabei strikt zwischen Spielregeln und Spielz\u00fcgen. Hinter dieser strukturellen Einsicht sollte eine moderne Wirtschaftsethik nicht zur\u00fcckfallen und darauf achten, dass moralisches Handelns f\u00fcr die Akteure nicht zu teuer gemacht wird. Die entscheidende Frage an diese Konzeption bleibt aber unbeantwortet, n\u00e4mlich wie gute Rahmenbedingungen (Spielregeln) zu Stande kommen. Wenn man von eigennutzorientierten Akteuren ausgeht, werden diese sich dann f\u00fcr bessere Regeln einsetzen? Die bisherigen Erfahrungen mit dem Lobbyismus zeigen eher das Gegenteil.<\/p>\n<p class=\"western\">Der Ansatz des aufgekl\u00e4rten Selbstinteresse hat demgegen\u00fcber den Vorteil, dass er bewusst nach neuen L\u00f6sungen sucht. Diese Akteure werden \u00c4nderungen der Rahmenbedingungen gegen\u00fcber offen sein und konstruktiv daran mitarbeiten.\u00a0Ein ethisch reflektiertes, sich selbst bindendes Handeln braucht aber noch mehr, ohne damit die genannten Abs\u00e4tze zu verwerfen.<\/p>\n<p class=\"western\">Der Wirtschaftsethiker Peter Ulrich verfolgt einen Rechte-orientierten Ansatz, welcher \u00f6konomische Sachlogik und ethische Vernunft integrieren m\u00f6chte. Dazu \u00fcbt Ulrich grunds\u00e4tzliche Kritik am \u201e\u00d6konomismus\u201c, einer ideologisch \u00fcberh\u00f6hten \u00f6konomischen Rationalit\u00e4t. Legitimit\u00e4t (ethische Rechtfertigung) erhalten \u00f6konomische Arrangements, wenn sie in eine demokratisch rationale Willensbildung eingebunden sind. Wirtschaftsethik geht hier in die politische Ethik \u00fcber. Menschen haben Rechte, z.B. Teilhabe, Selbstbestimmung und pers\u00f6nliche Entwicklung, die nicht am Werkstor abgegeben werden k\u00f6nnen. Die gro\u00dfen Probleme unserer Zeit, welche zumeist auch globale Probleme sind, brauchen solche demokratisch legitimierten Rahmenbedingungen (ILO-Normen) und Begrenzungen (z.B. globaler CO<sub>2<\/sub> Aussto\u00df), um \u00fcberhaupt einen fairen Wettbewerb zu erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p class=\"western\">Aber k\u00f6nnen die gro\u00dfen globalen und nationalen Regeln, die wir heute mehr denn je brauchen, wirklich alle gleicherma\u00dfen erreichen oder fallen gerade die Schw\u00e4chsten auch hier wieder durchs Raster? Gerade die individuellen Unterschiede zeigen, dass eine blo\u00dfe G\u00fcterverteilung nicht hinreichend ist, vielmehr m\u00fcssen Betroffene Akteure ihrer eigenen Entwicklung sein. In ihrem F\u00e4higkeitenansatz zeigen die amerikanische Philosophin Martha Nussbaum und der indische Wirtschaftsnobelpreistr\u00e4ger Amartya Sen<a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote3sym\" name=\"sdfootnote3anc\"><sup>3<\/sup><\/a>, dass es die konkreten F\u00e4higkeiten von individuellen Personen in einem kulturell, sozio\u00f6konomischen Umfeld sind, welche die Lebensqualit\u00e4t und Freiheit bestimmen. Die elementare F\u00e4higkeit des Lesens erm\u00f6glicht, weiter gesteckte Ziele zu erreichen, die f\u00fcr diese Person wichtige sind. Lesen bzw. Bildung ist aber selbst ein voraussetzungsreiches Unterfangen, welches keineswegs selbstverst\u00e4ndlich ist.<\/p>\n<p class=\"western\">Schwerbehinderte in der Arbeitswelt brauchen sicher die eine oder andere Unterst\u00fctzung, R\u00fccksichtnahme und vor allem auch Anerkennung. Aber gilt dies nicht mehr oder weniger f\u00fcr alle? Eine Firma oder eine Gesellschaft, die SBH oder andere Menschen, die nicht dem Hochleistungstypen entsprechen, zu integrieren versteht, erm\u00f6glicht nicht nur bestimmten Personen, ihre Rechte wahrzunehmen, F\u00e4higkeiten zu entwickeln und sich einzubringen, sondern signalisiert allen anderen, mehr als nur Kostenfaktor und Wertsch\u00f6pfungseinheit zu sein, n\u00e4mlich Mensch. Hier zeigt sich, ob gerade qualifizierte und engagierte Mitarbeiter, also Leistungstr\u00e4gerinnen, sich dem Unternehmen wirklich zugeh\u00f6rig f\u00fchlen k\u00f6nnen oder sich innerlich distanzieren und sich letztlich nach besseren Orten umschauen. Damit sind wir bei Ausgangsfrage, ob Unternehmen ausschlie\u00dflich finanziellen Anreizen folgen (m\u00fcssen?), um sich im Wettbewerb zu behaupten.<\/p>\n<p class=\"western\">Eine Firma oder ein Wirtschaftsmodell, welche die \u00f6kologischen oder sozialen Voraussetzungen des Wirtschaftens untergr\u00e4bt, kann auf Dauer noch nicht einmal \u00f6konomisch erfolgreich sein.<\/p>\n<div id=\"sdfootnote1\">\n<p class=\"sdfootnote-western\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote1anc\" name=\"sdfootnote1sym\">1<\/a>\u0002 \u201e<span style=\"font-size: small;\">Menschlichkeit rechnet sich\u201c \u2013 so der Titel eines k\u00fcrzlich erschienen Buches mit den Schlagworten \u201eMenschenrechtsbilanz\u201c und dem \u201eROI of humantity\u201c auf dem Werbezettel.<\/span><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote2\">\n<p class=\"sdfootnote-western\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote2anc\" name=\"sdfootnote2sym\">2<\/a><span style=\"font-size: small;\">\u0002 Die Normativit\u00e4t dieser Aussage verdiente eigentlich noch mal eine eigene Reflexion.<\/span><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote3\">\n<p class=\"sdfootnote-western\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote3anc\" name=\"sdfootnote3sym\">3<\/a><span style=\"font-size: small;\">\u0002 Development as Freedom, dt. \u00d6konomie f\u00fcr den Menschen; ders. Die Idee der Gerechtigkeit, 253ff.<\/span><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Inklusion von Schwerbehinderten \u2013 Gewinn f\u00fcr alle K\u00f6nnen Unternehmen erfolgreich und zugleich menschlich sein? Ist ethische Orientierung vielleicht sogar die Voraussetzung f\u00fcr langfristigen Erfolg? Neulich nahm ich an einem Gespr\u00e4ch \u00fcber die Inklusion von Schwerbehinderten (SBH) in die Arbeitswelt teil. Zun\u00e4chst ist es erstaunlich, welche staatlichen Unterst\u00fctzungsleistungen Unternehmen bekommen, wenn sie SBH einstellen. 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